Ich hätte nie gedacht, dass es so schnell geht. Dass sich die Schemen der Geschichte nicht nur in den Fußnoten wiederholen, sondern mit leiser Entschlossenheit durch die Hauptsätze unserer Gegenwart schleichen. Wenige Generationen nach den Trommeln des Totalitarismus – nach braunen Uniformen und grauen Betonköpfen – scheint der Boden erneut bereit, bereitwillig die Saat der nächsten Tyrannei zu tragen.
Und nein, es braucht keine Panzer mehr, keine Mauern oder Massendemonstrationen mit wehenden Fahnen. Es reicht die träge Gleichgültigkeit, das selbstgefällige Nicken, wenn wieder ein Stück Freiheit zur „Sicherheit“ geopfert wird. Es reicht die müde Feigheit, das Schweigen derer, die es eigentlich besser wissen müssten. Arroganz, Dummheit, Feigheit – die drei apokalyptischen Reiter der modernen Bequemlichkeit.
Man wundert sich. Über das Maß an Eifer, mit dem sich Menschen in ideologische Käfige sperren lassen, die man ihnen als Moral verkauft. Über das Schweigen in Redaktionen, Hörsälen, Amtsstuben, wo doch das Sprechen nötig wäre. Über die Treue zu Narrativen, die man nicht einmal mehr hinterfragt – Hauptsache, man gehört zur richtigen Herde.
Wir, die wir mit dem Satz „Das darf nie wieder passieren“ aufgewachsen sind, erleben, wie das „Nie wieder“ weichgespült und zurechtgebogen wird, bis es passt – zu neuen Feindbildern, neuen Normen, neuen Ausschlüssen. Die Instrumente der Kontrolle sind filigraner geworden, aber die Melodie bleibt vertraut: Wer nicht mitmacht, ist verdächtig. Wer fragt, stört. Wer warnt, wird lächerlich gemacht.
Dabei müsste man nur in die Archive schauen, in die Keller der Geschichte, in denen noch der Staub von Dissidenten und Denunzianten liegt. Man müsste nur zuhören, wenn die letzten verbliebenen Alten erzählen – die, die wirklich unter Tyranneien lebten. Aber wir hören lieber Influencern zu, die in ihren Filterblasen für Haltung werben und sich dabei bücken, bis die Haltung ganz verschwunden ist.
Was bleibt? Vielleicht ein raues Erwachen. Vielleicht ein Aufbegehren, das zu spät kommt. Vielleicht aber auch die stille Hoffnung, dass irgendwo noch Menschen sind, die sich an Freiheit erinnern – nicht als Lifestyle, sondern als Verpflichtung. Die wissen, dass Mut nicht darin besteht, laut mitzuschreien, sondern leise dagegenzuhalten.
Denn die nächste Tyrannei trägt kein Hakenkreuz und kein Hammer-und-Sichel-Symbol. Sie trägt ein Lächeln, spricht von Fortschritt – und duldet keinen Widerspruch.









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