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Waldbaden XV

Der Tag nach Midsommar war einer jener seltenen Sommertage, die sich anfühlten, als hätte die Zeit beschlossen, für ein paar Stunden langsamer zu fließen.

Zwei Jahre lang hatte das kleine Boot des Mannes am Steg gelegen. Zwei Jahre voller Arbeit auf dem Bauernhof, voller Reparaturen, Projekte, Verpflichtungen. Immer hatte er gedacht: ‚Nächste Woche fahre ich mal wieder hinaus.‘

Nun saß er endlich wieder darin.

Der See lag glatt und dunkelblau vor ihm. Die Sonne stand noch hoch genug, um die Kiefern am Ufer golden zu färben. Dreiundzwanzig Grad. Ein lauer Wind. Das leise Knarren der Dollen. Sonst nichts.

Keine Motoren.
Keine Sirenen.
Keine Benachrichtigungen.
Keine Menschen.
Nur Wasser.

Eine Möwe zog kreischend ihre Kreise. In der Ferne platschte ein Biber vom Rand seines Baus ins Wasser. Der Wald umschloss den See wie ein grüner Dom.

Der Mann warf die Angel aus.

Und fing nichts.

Nicht einen einzigen Fisch.

Trotzdem war es einer der schönsten Tage seit langer Zeit.

Als die Sonne tiefer sank und der Himmel sich langsam orange färbte, sprach er zum Wald.

„Weißt du“, sagte er, „früher wäre ich enttäuscht gewesen. Stunden auf dem Wasser und kein Fisch. Heute fühlt es sich an, als hätte ich alles bekommen.“

Der Wald schwieg eine Weile. Dann rauschten die Kiefern.

„Weil du endlich gekommen bist, ohne etwas haben zu wollen.“

Der Mann lächelte.

„Vielleicht. Die Menschen scheinen alles nur noch nach Ergebnissen zu bewerten. Wie viele Likes. Wie viel Geld. Wie viele Schritte auf der Uhr. Wie produktiv ein Tag war.“

„Und wie viele Fische“, ergänzte der Wald.

Der Mann lachte.

„Ja. Selbst die Erholung muss heute effizient sein.“

Der Abendwind kräuselte die Wasseroberfläche.

„Früher“, sagte der Wald, „wussten die Menschen noch, wie man sitzt. Einfach sitzt. Stundenlang. Sie betrachteten Wolken. Beobachteten Ameisen. Hörten einem Specht zu. Nicht weil sie mussten. Sondern weil sie lebten.“

Der Mann dachte an die Großstadt, die er vor einer kleinen Ewigkeit hinter sich gelassen hatte.

An das Gedränge.

Die Hektik.

Die Menschen mit gesenktem Blick auf ihre Bildschirme.

Die Gesichter voller Eile.

„Manchmal glaube ich“, sagte er leise, „dass viele Menschen gar nicht mehr wissen, wie Stille klingt.“

Der Wald antwortete nicht sofort.

Eine Möwe landete auf einem Felsen.

Irgendwo knackte ein Ast.

Dann sprach er.

„Stille macht vielen Angst. In der Stille begegnet man sich selbst. Deshalb füllen sie jeden Moment mit Geräuschen. Mit Nachrichten. Mit Meinungen. Mit Streit.“

Der Mann ließ die Angelrute sinken und blickte auf das Wasser.

Die Sonne berührte nun den Horizont.

Der See brannte in Gold.

„Warum heilt Natur eigentlich?“, fragte er.

Der Wald antwortete:

„Weil sie nichts von dir will.“

Die Worte blieben lange zwischen den Bäumen hängen.

„Die Zivilisation fordert ständig etwas“, fuhr der Wald fort. „Zeit. Aufmerksamkeit. Geld. Entscheidungen. Haltung. Geschwindigkeit. Hier verlangt niemand etwas von dir. Der See braucht keine Meinung. Die Möwe erwartet keinen Applaus. Der Biber interessiert sich nicht für deinen Lebenslauf.“

Der Mann musste lachen.

„Das ist vermutlich die ehrlichste Beschreibung von Glück, die ich je gehört habe.“

„Glück“, sagte der Wald, „ist oft nur die Abwesenheit unnötiger Dinge.“

Die Sonne verschwand langsam hinter den Baumwipfeln.

Der Himmel wurde rosa.
Dann violett.
Dann tiefblau.

Der Mann zog die leere Angel ein.
Kein Fisch.
Kein Erfolg.
Keine Ausbeute.
Und dennoch fühlte er sich reich.

Er saß noch lange im Boot und starrte einfach auf das Wasser.

Nichts musste gelöst werden.
Keine Probleme.
Keine Diskussionen.
Keine Schlagzeilen.


Nur der See.
Der Abend.
Die klare Luft.
Der Duft von Kiefernharz.

Und die stille Gewissheit, dass die schönsten Stunden eines Lebens oft genau jene sind, in denen scheinbar überhaupt nichts geschieht.

Der Wald sagte an diesem Abend nichts mehr.

Er musste nicht.

Manchmal ist selbst ein Philosoph klug genug, einfach nur auf den Sonnenuntergang zu schauen.

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