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Waldbaden XVI – Die Kraniche

An diesem Morgen lag ein feiner Nebel über den Wiesen vor meinem Wald. Die Sonne kämpfte sich langsam durch die milchige Luft und ließ jeden Tautropfen wie flüssiges Silber glänzen. Mit einer dampfenden Tasse Kaffee stand ich am alten Weidezaun und blickte hinaus.

Dann hörte ich sie. Erst nur leise. Ein raues, kehliges Trompeten, das über die Baumwipfel getragen wurde. Ich lächelte noch, bevor ich sie überhaupt sehen konnte.

Kraniche. Eine ganze Schar.

Sie kamen aus dem Norden, drehten einen eleganten Kreis über den See und ließen sich schließlich auf der Wiese nieder. Stolz schritten sie durch das hohe Gras, als würden sie einen Ort besuchen, den sie seit Jahrhunderten kannten.

„Ach nein“, murmelte ich. „Ihr seid doch viel zu früh.“

Einer der Kraniche hob den Kopf und sah mich an.

„Zu früh?“

Ich nickte.

„Bleibt doch noch. Der Sommer ist noch nicht vorbei. Es ist warm, die Beeren hängen voll, die Abende sind lang. Lasst euch Zeit.“

Die Vögel blickten sich gegenseitig an.

Dann klang ihr leises Gurren beinahe wie unterdrücktes Lachen.

„Der Mensch“, sagte der alte Kranich, „glaubt immer, die Jahreszeiten ließen mit sich verhandeln.“

„Warum auch nicht?“, erwiderte ich. „Noch ein paar Wochen würden doch niemandem schaden.“

„Uns schon.“

Ich runzelte die Stirn.

„Warum?“

Der Kranich breitete langsam seine mächtigen Flügel aus.

„Weil die Natur nicht wartet, bis jemand bereit ist. Wer den richtigen Zeitpunkt verpasst, verliert den nächsten.“

Ich wollte noch etwas entgegnen. Doch mit wenigen Flügelschlägen erhob sich der Schwarm wieder in die Luft. Noch einmal kreisten sie über der Wiese, als verabschiedeten sie sich. Oder lächelten sie über mich? Dann waren sie verschwunden. Ich sah ihnen nach, bis sie nur noch kleine Punkte am Himmel waren.

„Ich hätte sie gern noch hiergehabt“, sagte ich schließlich.

Der Wald antwortete erst nach einer langen Weile.

„Ich weiß.“

Ein gelbes Birkenblatt löste sich lautlos von seinem Ast. Es segelte langsam an mir vorbei.

„Es fühlt sich an“, sagte ich, „als nähme der Herbst mir etwas weg.“

Der Wald rauschte leise.

„Nein.“

„Nein?“

„Er nimmt dir nichts. Er bittet den Sommer lediglich, Platz zu machen.“

Ich schwieg. Vor mir bewegte der Wind das hohe Gras in sanften Wellen.

„Warum fällt uns Menschen das Loslassen eigentlich so schwer?“

Der Wald brauchte lange, bis er antwortete.

„Weil ihr glaubt, Glück ließe sich festhalten.“

Ich blickte zu den Kronen hinauf.

„Und ihr?“

„Schau dich um.“

Ein weiterer Windstoß fuhr durch die Bäume. Ein Dutzend Blätter löste sich gleichzeitig. Kein Ast hielt sie zurück.

„Ich verliere jeden Herbst Millionen Blätter“, sagte der Wald. „Nicht einer meiner Bäume versucht, den Wind aufzuhalten. Keine Kiefer streitet mit dem Frost. Keine Birke bittet um Aufschub.“

Ich musste lächeln.

„Das wäre auch ein seltsamer Anblick.“

„Und doch tut ihr Menschen genau das. Ihr kämpft gegen das Alter. Gegen den Winter. Gegen Veränderungen. Ihr möchtet den schönsten Augenblick einfrieren und wundert euch, wenn er trotzdem vergeht.“

Ich setzte mich auf den alten Baumstamm am Waldrand. Der Wind war kaum stärker geworden. Aber er roch anders. Nach feuchter Erde. Nach Pilzen. Nach etwas Neuem.

„Früher habe ich gedacht“, sagte ich leise, „der Herbst sei das Ende.“

Der Wald antwortete mit einer Ruhe, die älter war als jedes Menschenwort.

„Der Herbst ist keine Beerdigung. Er ist das Versprechen des Frühlings, das bereits seine Koffer packt.“

Ich lächelte. In der Ferne hörte ich die Kraniche noch einmal rufen. Fast klang es wie ein Gruß.

„Sie kommen wieder, oder?“

„Natürlich.“

„Woher weißt du das mit solcher Sicherheit?“

Der Wald schwieg einen Moment. Dann sagte er:

„Weil die Natur keine Termine vergisst. Nur der Mensch lebt nach Kalendern. Wir leben nach Rhythmen.“

Ich blieb noch lange sitzen. Der Himmel war inzwischen leer. Und doch fühlte er sich nicht verlassen an. Ich erkannte wieder einmal, dass die Natur nichts festhält und doch nichts verliert. Vielleicht liegt genau darin ihre Gelassenheit.

Und vielleicht sollten wir Menschen endlich aufhören, den Sommer festhalten zu wollen, wenn die Kraniche längst wissen, dass der Herbst schon unterwegs ist.

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