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Waldbaden XVII – Jedem sein „Waldbad“?

Lasse lief einige Meter vor mir. Normalerweise wartete er an jeder Weggabelung, drehte sich um und sah nach, ob ich noch da war. An diesem Abend tat er es seltener. Vielleicht spürte er, dass ich keinen Wegweiser brauchte. Nur Abstand.

Der Nebel war vom See heraufgezogen und lag zwischen den Stämmen. Er kroch über den Boden, verschluckte die Farne und sammelte sich um jene gewaltigen, moosbefleckten, ausdrucksstarken Steine, die überall im Wald lagen. Kein Wunder, dass frühere Generationen den einen oder anderen Troll gesehen haben. Ich blieb vor einem von ihnen stehen.

Manchmal denke ich, der Wald sei uralt. Dann sehe ich diese Steine. Sie lagen schon hier, als es diesen Wald noch gar nicht gab. Andere Bäume hatten über ihnen gestanden. Sonne, Regen, Schnee, Sturm und Eis hat ihre Oberfläche geformt und verändert. Andere Wälder waren gewachsen, gefallen, verbrannt, verfault und wiedergekehrt. Der Wald, den ich für den ältesten und weisesten meiner Freunde hielt, war neben ihnen beinahe jung.

Und ich? Ein Augenblick.

„Alles eine Frage des Betrachtungswinkels“, sagte ich.
„Fast alles“, antwortete der Wald.

Ich setzte meinen Weg fort. Lasse verschwand kurz im Nebel und tauchte einige Meter weiter wieder auf.

„Ich verstehe die Menschen nicht mehr“, sagte ich.
„Das hast du schon öfter gesagt.“
„Diesmal meine ich es anders.“
„Das sagst du auch öfter.“

Ich musste trotz meiner Stimmung lächeln.

„Du wirst im Alter unangenehm.“
„Ich werde jeden Tag gefällt. Ich darf mir gewisse Freiheiten erlauben.“

Dann schwieg er wieder. Und irgendwann erzählte ich ihm, was mich umtrieb. Von den Stimmen, die immer lauter wurden. Von Politikern und Regierungen, die über Krieg sprachen, als wäre er wieder zu einem denkbaren Instrument geworden. Von einer politischen Sprache, in der Aufrüstung, Abschreckung und militärische Stärke immer selbstverständlicher klangen, während das Wort Diplomatie beinahe etwas Verdächtiges bekam. Von meinem Eindruck, dass sich Regierungschefs gegenseitig in ihrer Entschlossenheit überboten.

Von Schlagzeilen.
Von Experten.
Von den immer gleichen Worten.

Stärke.
Härte.
Pflicht.
Entschlossenheit.
Sieg.

Und von meinem Unbehagen darüber, wie schnell sich Menschen an diese Sprache gewöhnten.

„Was mich erschreckt“, sagte ich, „ist nicht einmal, dass Politiker so reden.“

Der Wald wartete.

„Mich erschreckt, wie viele Menschen irgendwann genauso reden.“

Ein Ast knackte irgendwo im Dunkel.

„Sie werden aufgehetzt“, sagte ich. „Jeden Tag ein bisschen mehr. Gegen dieses Land. Gegen jene Menschen. Gegen jeden, der Zweifel anmeldet. Und irgendwann sitzt eine ganze Gesellschaft da und diskutiert über einen möglichen Krieg, als ginge es um irgendeine politische Reform.“
„Eine ganze Gesellschaft?“

Ich blieb stehen.

„Du weißt, was ich meine.“
„Nein“, sagte der Wald. „Ich weiß, was du fühlst.“

Das ärgerte mich.

„Willst du mir erzählen, dass ich mir das einbilde?“
„Nein.“

Der Nebel zog zwischen uns hindurch.

„Ich will dich daran erinnern, dass eine Masse immer größer aussieht, wenn man mitten in ihrem Lärm steht.“

Ich schwieg.

„Die Lauten“, sagte der Wald, „sind nicht automatisch die Vielen.“

Lasse kam zurück und stupste meine Hand an. Ich strich ihm über den Kopf.

„Aber was ist mit denen, die schweigen?“
„Vielleicht haben manche Angst. Vielleicht sind manche müde. Vielleicht wissen manche nicht mehr, was sie glauben sollen. Vielleicht wollen manche einfach ihre Kinder ins Bett bringen, morgen zur Arbeit gehen und hoffen, dass die Welt nicht verbrennt.“
„Und das reicht?“
„Ich habe nicht gesagt, dass es reicht.“

Wir gingen weiter. Meine Schritte klangen dumpf auf dem feuchten Boden.

„Ich begreife nur nicht“, sagte ich, „wie Menschen vergessen können, was Krieg bedeutet.“

Der Wald rauschte tief.

„Weil Erinnerung verblasst.“
„Aber wir haben Bücher. Filme. Bilder. Unsere Großeltern haben davon erzählt.“
„Und trotzdem ist Erinnerung nicht Erfahrung.“

Ich dachte an die Geschichten meiner Großeltern. An Menschen, die nichts mit großen geopolitischen Plänen zu tun gehabt hatten und dennoch deren Preis bezahlen mussten.

„Vielleicht“, sagte der Wald, „beginnt Krieg lange bevor der erste Schuss fällt.“
„Wann?“
„Wenn Menschen aufhören, im Menschen auf der anderen Seite einen Menschen zu sehen.“

Ich blieb stehen. Vor mir lag einer dieser alten Steine. Das Moos darauf war nass und beinahe schwarz.

„Und danach?“
„Dann wird Sprache leichter.“
„Leichter?“
„Töten wird zu Strategie. Tote werden zu Zahlen. Angst wird zu Moral. Zweifel wird zu Verrat. Und irgendwann sprechen Menschen über Dinge, die sie selbst niemals tun müssten, mit erstaunlicher Entschlossenheit.“

Ich setzte mich auf den Stein. Er war kalt. Lasse legte sich neben meine Füße. Eine Weile sagte niemand etwas. Dann fragte ich:

„Und wenn all das tatsächlich gewollt ist? Wenn Angst politisch nützlich ist? Wenn Menschen in ihrer Aufregung leichter zu führen sind?“
„Dann wäre es umso wichtiger, die Aufregung nicht mit Wahrheit zu verwechseln.“
„Das klingt einfach.“
„Ist es nicht.“

Ich sah in den Nebel.

„Für mich ist es leicht, hierherzukommen.“

Der Wald schwieg.

„Ich gehe aus dem Haus. Laufe ein paar Minuten. Dann bist du da. Wenn mir die Welt zu laut wird, habe ich dich. Ich habe den See. Ich kann in die Berge fahren. Ich kann am Fluss sitzen und in die Ferne starren.“

Ich strich Lasse über den Rücken.

„Aber was macht jemand im zwölften Stock eines Hauses in einer Millionenstadt? Jemand, dessen Horizont aus Beton besteht? Was macht ein Mensch, der keinen Wald hat, keine Berge, keinen See, kein Meer? Wie entzieht er sich diesem Wahnsinn?“

Lange kam keine Antwort. Nur Nebel. Nur Lasses ruhiger Atem. Dann sagte der Wald:

„Vielleicht besteht dein Irrtum darin, dass du glaubst, ich sei ein Ort.“

Ich sah auf.

„Was bist du sonst?“
„Eine Unterbrechung.“

Ich dachte darüber nach.

„Hier“, sagte der Wald, „musst du für einen Moment nichts beantworten. Niemand verlangt deine Meinung. Niemand fordert deine Empörung. Niemand sagt dir, wovor du heute Angst haben sollst.“

Der Wind strich durch die Kronen.

„Vielleicht braucht der Mensch deshalb nicht immer einen Wald. Vielleicht braucht er etwas, das dieselbe Grenze zieht.“
„Stille?“
„Auch.“
„Was noch?“
„Ein Buch. Musik. Ein Gespräch, in dem niemand gewinnen muss. Ein Fenster in der Nacht. Eine Werkbank. Ein Nordlicht. Ein alter Sessel. Eine Katze auf dem Schoß. Ein Glas Wein mit seinem Partner. Ein Abend mit Kochen und Genuss. Eine Stunde, in der die Welt draußen keinen Zutritt bekommt.“

Ich musste lächeln.

„Du wirst sentimental.“
„Ich bin ein Wald. Ich darf das.“

Ich sah wieder auf die Steine. Vielleicht lag darin tatsächlich etwas. Nicht jeder Mensch konnte in meinen geliebten Wald gehen. Aber vielleicht brauchte jeder Mensch einen inneren Ort, an dem die Welt nicht ständig hineinrufen durfte. Einen Ort ohne Schlagzeilen. Ohne Lager. Ohne Sieger und Verlierer. Einen Ort, an dem ein Gedanke wieder zu Ende gedacht werden konnte, bevor der nächste ihn erschlug.

„Dann ist Rückzug keine Feigheit?“, fragte ich.
„Manchmal schon.“

Ich sah überrascht auf. Der Wald rauschte beinahe belustigt.

„Du wolltest doch keine einfachen Antworten.“

Ich verdrehte die Augen theatralisch: „Also?“

„Wer sich zurückzieht, um nichts mehr sehen zu müssen, flieht. Wer sich zurückzieht, damit er wieder sehen kann, schafft Abstand.“

Ich dachte lange darüber nach. Vielleicht war genau dieser Unterschied entscheidend. Nicht gleichgültig werden. Nicht wegsehen. Nicht aufhören, Anteil zu nehmen. Aber sich weigern, die Hysterie anderer zum eigenen inneren Zustand werden zu lassen. Denn vielleicht ist das die gefährlichste Wirkung einer aufgeheizten Zeit: Nicht, dass alle Menschen dieselbe Meinung bekommen. Sondern dass irgendwann niemand mehr ruhig genug ist, überhaupt noch andere Meinungen zu hören.

Ich stand auf. Lasse tat es mir träge gleich und schüttelte sich die feinen feuchten Tröpfchen aus dem Fell. Die Kühle kroch unter die Kleidungsschichten und verkündete die ersten Atemzüge meines heißgeliebten Gevatters Herbst. Der Nebel war dichter geworden. Die uralten Steine verschwanden langsam darin.

„Du bist also doch nicht das älteste Wesen hier“, sagte ich zum Wald.
„Nein.“
„Stört dich das?“
„Warum sollte es?“

Ein paar Tropfen fielen von den Zweigen.

„Der Stein kennt die Zeit“, sagte der Wald.
„Und du?“
„Ich kenne den Wandel.“

Ich sah zu Lasse.

„Und ich?“

Diesmal dauerte die Antwort lange.

„Du lernst hoffentlich, beides auszuhalten.“

Wir lenkten unsere Schritte wieder Richtung Hof. Hinter mir verschwand der Wald im Nebel. Ich genoss die Ruhe im Innen und Außen. Die Welt war durch dieses Waldbad nicht friedlicher geworden. Kein Krieg war verhindert. Kein Politiker selbstlos. Kein schreiender Mensch leiser. Aber in mir war wieder einmal stiller geworden. Vielleicht kann ein Mensch den Wahnsinn seiner Zeit nicht immer beenden. Aber er kann sich weigern, ihm auch noch den letzten stillen Ort in sich selbst zu überlassen.

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