Ein Freund auf Twitter verfasste folgenden Beitrag und bat um interessante Kommentare. Da meine Antwort ausführlicher ausfällt, poste ich meinen Kommentar hier. Ist eben gerade dieses Spießertum einer der Gründe gewesen, hier in die Wildnis zu ziehen.
Quelle: x.comhttps://x.com/sachenverlierer/status/2080943195949597169?s=61&t=9JNQBrAieHdSUQtpHVZxWQ
Der Spießer Der Spießer ist nicht der Mann, der samstags sein Auto wäscht. Das wäre zu einfach. Vielleicht liebt er sein Auto wirklich. Liebe äußert sich bei Männern häufig in der Reinigung lebloser Gegenstände, weil diese nicht widersprechen. Der Spießer ist auch nicht zwangsläufig konservativ. Er kann Tätowierungen haben, Hafermilch trinken, gegen Rechts demonstrieren und seine Wohnung mit skandinavischen Möbeln ausstatten. Er kann sich für offen, tolerant und individuell halten. Meistens hält er sich sogar sehr intensiv dafür. Individualität ist heutzutage bekanntermaßen in vielen Farben erhältlich. Der Spießer beginnt dort, wo die Angst zur Moral wird. Er fürchtet den sozialen Abstieg, die falsche Meinung, den falschen Beruf, das falsche Viertel, den falschen Wein. Vor allem fürchtet er, dass andere Menschen ihr Leben anders führen könnten und dabei womöglich zufriedener sind. Das wäre unerträglich. Denn es würde bedeuten, dass seine Vorsicht kein Verdienst war, sondern nur Vorsicht. Also erklärt er seine Gewohnheiten zu Tugenden. Seine Karriere nennt er Selbstverwirklichung. Seine Erschöpfung nennt er Leistungsbereitschaft. Seine Ehe nennt er Partnerschaft, selbst wenn beide seit Jahren nur noch organisatorische Mitteilungen austauschen. Seine Urlaubsreise nennt er Abenteuer, obwohl er sie sechs Monate vorher gebucht, versichert und anhand von Kundenbewertungen vollständig entschärft hat. Der Spießer liebt das Leben vor allem dann, wenn es keine Überraschungen bereithält. Er besitzt eine Hausratversicherung gegen den Verlust seiner Dinge und eine Haltung gegen den Verlust seiner Bedeutung. Er weiß, was man sagen darf, wann man betroffen sein muss und welche Empörung gesellschaftlich rentabel ist. Er möchte ein guter Mensch sein, allerdings nur unter Bedingungen, die seinen Komfort nicht gefährden. Dabei ist der Spießer nicht böse. Das macht ihn so dauerhaft. Böse Menschen sind selten und meistens unzuverlässig. Der Spießer hingegen erscheint pünktlich. Er füllt Formulare aus, hält Fristen ein und beteiligt sich an jeder Grausamkeit, sofern sie ordentlich verwaltet wird. Er braucht keine Überzeugung. Es genügt ihm, dass etwas üblich ist. Vielleicht liegt darin seine eigentliche Definition: Der Spießer ist ein Mensch, der das Bestehende nicht deshalb verteidigt, weil es gut ist, sondern weil er sich darin eingerichtet hat. Ödön von Horváths ewiger Spießer ist deshalb tatsächlich ewig. Er trägt heute nur bessere Kleidung. Er spricht von Achtsamkeit, Diversität oder Work-Life-Balance. Er besitzt ein Smartphone, eine Meinung zu Ernährung und möglicherweise einen höhenverstellbaren Schreibtisch. Doch tief in seinem Inneren hofft er noch immer, dass sich das Leben an die Hausordnung hält. Es wird sich nicht daran halten. Und genau das hat er ihm nie verziehen. Danke für eure interessanten Kommentare.
Ja lieber Ole, das wird der Spießer nicht verzeihen.
Der Spießer hat nicht nur Angst vor Veränderung. Er hat Angst vor dem Leben selbst.
Vor seiner Unberechenbarkeit, seiner Zumutung, seiner Schönheit, seinen Abgründen. Vor allem aber hat er Angst vor sich selbst. Vor der Möglichkeit, eine falsche Entscheidung zu treffen und anschließend niemanden dafür verantwortlich machen zu können. Vor dem Augenblick, in dem keine Vorschrift, kein Formular und keine gesellschaftlich geprüfte Haltung mehr zwischen ihm und seinem eigenen Gewissen steht.
Deshalb möchte er Verantwortung nicht tragen, sondern abgeben.
Am liebsten vollständig. An Behörden, Institutionen, Experten, Ausschüsse und jene amorphe Instanz, die er schlicht „der Staat“ nennt. Der Staat soll ihn schützen, führen, erziehen, versichern, beruhigen und möglichst noch vor den Folgen seiner eigenen Entscheidungen bewahren. Er soll festlegen, was gesund, richtig, vernünftig, solidarisch und moralisch einwandfrei ist. Nicht, weil der Spießer dem Staat besonders vertraut. Sondern weil er sich selbst nicht vertraut.
Freiheit klingt für ihn nur so lange schön, bis jemand sie tatsächlich benutzt.
Denn Freiheit bedeutet nicht, dass alle Menschen freiwillig genau das tun, was er für richtig hält. Freiheit bedeutet, dass sie anders leben dürfen. Dass sie Risiken eingehen, die er nicht eingehen würde. Dass sie Dinge sagen, die ihm missfallen. Dass sie scheitern, aufstehen, verschwenderisch lieben, unvernünftig reisen, falsche Berufe wählen, Kinder anders erziehen, ihr Geld anders ausgeben und ihr Glück an Orten finden, die in keinem Ratgeber empfohlen werden.
Das empfindet er nicht als Vielfalt. Er empfindet es als Kontrollverlust.
Also wird aus seiner Angst plötzlich Fürsorge.
Er möchte Menschen vor sich selbst schützen. Natürlich nur zu ihrem Besten. Er will das Rauchen, Trinken, Essen, Reden, Heizen, Reisen, Wohnen, Arbeiten und Denken regulieren, weil irgendwo irgendjemand eine unvernünftige Entscheidung treffen könnte. Dass dieser Jemand ein erwachsener Mensch sein könnte, der die Konsequenzen seines Lebens selbst tragen darf, erscheint ihm geradezu barbarisch.
Er nennt es Solidarität, wenn alle nach seiner Angst leben sollen.
Er nennt es Sicherheit, wenn Verantwortung entmündigt wird.
Er nennt es Gerechtigkeit, wenn niemand aus der Reihe tanzen darf.
Und er nennt es Demokratie, wenn die Mehrheit beschließt, welche Freiheiten Minderheiten noch benötigen.
Der moderne Spießer will keinen offenen Käfig. Er will einen sehr komfortablen Käfig mit ergonomischem Mobiliar, digitalem Zugangssystem und staatlich geprüftem Fluchtweg. Danach hängt er ein Schild an die Tür: „Raum für Individualität.“
Seine größte Sehnsucht ist nicht Frieden, sondern Berechenbarkeit.
Er möchte die Garantie, dass nichts schiefgeht. Dass niemand ihn beleidigt, kein Unternehmen scheitert, kein Arbeitsplatz verschwindet, keine Beziehung zerbricht, keine Krankheit kommt, kein Fremder gefährlich und kein Nachbar sonderbar wird. Weil ihm niemand diese Garantie geben kann, verlangt er immer neue Regeln. Jede Unsicherheit braucht ein Gesetz, jedes Risiko eine Verordnung, jede menschliche Schwäche eine Behörde.
Und wenn die Vorschrift nicht funktioniert, fordert er nicht weniger Vorschriften, sondern eine strengere.
Das Tragische daran ist: Wer seine gesamte Sicherheit in die Hände des Staates legt, gibt ihm zwangsläufig auch die Macht, zu definieren, wovor er geschützt werden muss. Heute mag die Definition den eigenen Vorstellungen entsprechen. Morgen vielleicht nicht mehr. Aber der Spießer denkt selten bis morgen. Er denkt bis zum nächsten Bescheid.
Er hält Gehorsam für Vernunft, solange der Befehl in freundlicher Sprache kommt.
Er akzeptiert Überwachung, wenn sie „Prävention“ heißt. Einschränkung, wenn sie „Schutz“ genannt wird. Zwang, wenn man „Verantwortung“ darauf schreibt. Und Ausgrenzung, wenn sie verwaltungstechnisch sauber, medial begleitet und moralisch ausreichend desinfiziert wurde.
Dabei wird er niemals sagen: „Ich habe Angst.“
Er sagt: „Man muss doch vernünftig sein.“
Er sagt: „Irgendwo muss es Grenzen geben.“
Er sagt: „Wer nichts zu verbergen hat …“
Er sagt: „Es geht doch nur um unsere Sicherheit.“
Das Wort „unsere“ ist dabei besonders praktisch. Es verwandelt seine persönliche Furcht in eine gesellschaftliche Verpflichtung. Plötzlich sollen alle anderen auf Freiheit verzichten, damit er sich nicht mit seiner eigenen Unsicherheit beschäftigen muss.
Vielleicht ist das die letzte Entwicklungsstufe des ewigen Spießers: Er verteidigt nicht mehr nur das Bestehende. Er verlangt, dass der Staat jede Form des Lebens verhindert, die ihn daran erinnern könnte, dass ein Mensch auch anders leben kann.
Mutiger. Unangepasster. Eigenverantwortlicher. Vielleicht sogar glücklicher.
Denn nichts kränkt den Spießer so sehr wie ein Mensch, der ohne Genehmigung zufrieden ist.
Das Leben wird sich auch weiterhin nicht an die Hausordnung halten. Es wird Risiken bringen, Irrtümer, Verluste, Überraschungen, schmutzige Schuhe und Menschen, die nicht in die vorgesehenen Kästchen passen.
Man kann versuchen, all das wegzuverwalten.
Oder man kann endlich anfangen zu leben.











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